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Wem gehört die Stadt?

Öffentliche Armut

und die Grenzen gesellschaftlicher Integrationsfähigkeit


Vortrag und Diskussion:
Donnerstag, 9. November 1995 -
Pavillon
Germany

Hubert Schubert (Institut für Entwicklung und Strukturforschung, Hannover)

Das Bild der Städte wird sichtbar vom Kontrast zwischen Armut und Reichtum bestimmt. In den Einkaufsstraßen der Innen­städte und in den Bahnhöfen sind Nichtseßhaftigkeit, Obdach­losigkeit, Betteln, Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und auf­wendige Lebensstile sowie luxusorientierte Konsumkraft auf der anderen Seite alltäglich miteinander konfrontiert.

Die Armutsentwicklung in den Städten ist vergleichbar mit einem „Eisberg“, von dem nur ein kleiner Teil über der Was­seroberfläche sichtbar ist. Denn die offene Armut in den Einkaufsmeilen der Städte ist nur ein Bruchteil der Gesamt-situation. Unterhalb der offenen auffälligen Armut le­ben etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung mit unzu-reichendem Einkommen. Die öffentliche Hand hat es auf­gegeben, kommunalpolitisch gegenzusteuern. Mit dem Verweis auf die Talfahrt der städtischen Finanzen und auf die immense Verschuldung der kommunalen Haushalte werden sozialpolitische Initiativen der Armutsbekämpfung eingefroren. Stattdessen wird auf die „großen Infrastruktur­investitionen“ gesetzt, die den Wirtschaftskreislauf der Stadt ankurbeln sollen.

Für die „dritte Stadt“ der Armutsgebiete, der marginalisierten Quartiere der Randgruppen ohne Modernisierungspoten-tiale und der Quartiere mit vielen Belegrechtswohnungen bleibt wegen der „öffentlichen Armut“ der städtischen Haus­halte nichts übrig. Das rigorose Sparen birgt die Gefahr weiterer Ausgrenzung. Arbeitslose, Ausländer, diskriminierte Zuwanderer, Drogenabhängige und Arme müssen den Gürtel enger schnallen; für die Entwicklung und Gestaltung ihrer Stadträume reichen die kommunalen Haushaltsmittel nicht.